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Tracker-Musik:
eine nostalgische Zeitreise in die 90er
In Teil 1 haben wir den zeitgemäßen Weg abgehandelt, Musik in eigene Apps oder Spiele zu integrieren: fertige Aufnahmen als MP3 oder OGG, abgespielt über eine Library wie Howler.
Der Nachteil dieses Wegs ist die Last. Drei Musikstücke von Vivaldi belegen in geo-finder zusammen 6,8 MB. Über eine schnelle Leitung fällt das nicht auf, über eine langsame oder ein knappes Mobilfunk-Volumen sehr wohl.
Eine interessante Alternative ist über dreißig Jahre alt und kam vom Amiga.
Was sind Tracker-Dateien?
Die kennt heute kaum noch jemand, dabei hat diese Technik in den späten Achtzigern und den Neunzigern halbe Spielesammlungen vertont. Der Reihe nach.
Eine MP3- oder OGG-Datei ist eine Aufnahme, im Grunde eine komprimierte WAV-Datei. Sie enthält das fertig abgemischte Stück, und je länger das Stück, desto größer die Datei. Auch komprimiert bleibt sie groß.
Ein Trackermodul enthält etwas anderes. Es speichert zwei Dinge:
- Samples sind kurze Klangschnipsel, die als Instrumente dienen: ein angeschlagenes Klavier, ein Schlagzeug, ein Bass. Schneller abgespielt klingt dasselbe Sample höher, langsamer tiefer, so entstehen aus einem Schnipsel alle Tonhöhen.
- Patterns sind das Notenraster darüber: eine Tabelle, die festhält, welches Sample wann auf welcher Spur mit welchem Effekt gespielt wird.
Die Datei ist also eher eine Partitur mit beigelegtem Instrumentenkoffer als eine Aufnahme. Ein kompletter Spielesoundtrack passte damit auf eine 1,4-MB-Diskette (Quelle: Wikipedia, Trackermodul und MOD-Dateiformat).
Daraus folgt der entscheidende Unterschied: Die Größe hängt an der Zahl und Länge der Samples, weniger an der Spieldauer. Ein Stück doppelt so lang zu machen, kostet ein paar Patterns mehr. Bei einer MP3-Datei verdoppelt sich schlicht die Größe.
Die Formate
Über die Jahre sind aus dem Amiga-Original mehrere Formate geworden, jedes mit ein paar Fähigkeiten mehr:
| Format | Herkunft | Besonderheit |
|---|---|---|
| MOD | Amiga, Ultimate Soundtracker und ProTracker | das Original, klassisch vier Kanäle |
| S3M | Scream Tracker 3 | mehr Kanäle, dazu Töne vom FM-Chip (Yamaha OPL2) |
| XM | FastTracker 2 | Instrumente mit Hüllkurven für Lautstärke und Panorama |
| IT (Impulse Tracker) | Impulse Tracker | resonante Filter und mehr Kontrolle je Note |
| MPTM | OpenMPT | die moderne Erweiterung des Impulse-Tracker-Formats |
Die Kürzel sind reine Dateiendungen. IT steht hier für Impulse Tracker, nicht für Informationstechnik.
Womit spielt man das ab?
Am Rechner liest OpenMPT alle diese Formate, aktiv gepflegt. Im Browser gibt es zwei Wege, und genau die sind für eigene Projekte interessant:
- Reines JavaScript, klein und ohne WebAssembly. BassoonTracker von Steffest ist ein kompletter Amiga-Tracker im Browser, spielt und bearbeitet MOD und XM, MIT-lizenziert und aktiv gepflegt. Für die meisten Retro-Zwecke reicht das und bleibt leicht. Älter und mittlerweile ruhend ist ScripTracker (MOD, S3M, XM), letzter Commit 2016, und ohne Lizenzdatei, also für die Weiterverwendung heikel.
- WebAssembly, dafür vollständig. libopenmpt als
chiptune3auf npm spielt praktisch jedes Format (MOD, S3M, XM, Impulse Tracker, MPTM und mehr), kostet aber 1,5 MB.
| Player | Formate | Lizenz | Ansatz | Stand |
|---|---|---|---|---|
| BassoonTracker | MOD, XM | MIT | reines JavaScript | aktiv (Mai 2026) |
| ScripTracker | MOD, S3M, XM | keine Lizenzdatei | reines JavaScript | ruht seit 2016 |
| chiptune3 | MOD, S3M, XM, IT, MPTM, … | MIT | WebAssembly | aktiv |
Alle Angaben am 25.07.2026 auf GitHub und npm geprüft.
Und, kleiner Hinweis in eigener Sache: Mein Terminal-Player retro-amp spielt MOD, XM, S3M und sogar SID-Dateien ab. 😉
Der Größenvergleich
Für diesen Beitrag habe ich ein bekanntes Modul heruntergeladen und nachgemessen, statt eine Zahl abzuschreiben: space_debris.mod von Captain, 1991, vier Kanäle, ein Klassiker aus der Amiga-Szene.
| Datei | Art | Größe |
|---|---|---|
space_debris.mod | Trackermodul | 347.582 Bytes, also 339 KB |
vivaldi-fruehling-1-allegro.ogg | Audio, ein Satz | 2,3 MB |
| alle drei Sätze in geo-finder | Audio | 6,8 MB |
Die Vivaldi-Aufnahme stammt vom Internet Archive, das Modul vom Mod Archive. Faktor sieben gegenüber einem einzelnen Satz, und das Trackermodul ist dabei kein Ausschnitt, sondern ein vollständiges Stück.
Welche Nachteile hat das?
Der Browser kann Trackermodule nicht von sich aus abspielen, er braucht eine der Player-Libraries von oben. Wie groß die ausfällt, ist der eigentliche Haken.
Ein reiner JavaScript-Player wie BassoonTracker bleibt klein. Der vollständige Weg über chiptune3 kostet dagegen 1,5 MB, weil ein ganzer C-nach-WebAssembly-Decoder mitgeladen wird. Das ist für ein kleines 8-Bit-Nostalgie-Spiel schon fast überdimensioniert.
Für ein Retro-Spiel mit MOD- oder XM-Musik ist der pure-JS-Player also die naheliegende Wahl. Zum WebAssembly-Decoder greift man erst, wenn exotischere Formate wie Impulse Tracker oder MPTM dazukommen.
Faustregel:
- Ein, zwei Titel: MP3 und OGG (für Safari) reichen völlig, ganz ohne Tracker.
- Retro-Spiel mit MOD oder XM: ein reiner JS-Player wie BassoonTracker.
- Viele Titel oder exotische Formate: der WebAssembly-Decoder
chiptune3.
Wichtig: Das klingt nach den frühen Neunzigern, nach dem Amiga. Das ist ein anderer Klang als der typische FM-Sound der 80er, wie ihn der Yamaha DX7 geprägt hat. Es ist kein Hifi-Sound in 256 kbit, das ist Nostalgie pur. Wer das nicht als Feature versteht, ist mit einer sauberen Aufnahme besser bedient.
Tracker ist nicht Chiptune
Diese zwei Dinge werden oft in einen Topf geworfen, dabei sind es verschiedene Techniken.
Tracker-Musik ist sample-basiert. Der Amiga hat echte, aufgenommene Klangschnipsel abgespielt, siehe oben.
Chiptune-Musik entsteht anders: Da erzeugt ein Soundchip die Töne selbst. Auf dem C64 macht das der SID-Chip mit drei Oszillatoren und einem analogen Filter. Auf dem Atari ST übernimmt es ein Yamaha-Chip (der YM2149). Auf dem PC kam mit AdLib und Sound Blaster die FM-Synthese des Yamaha OPL2 dazu, die Töne durch Frequenzmodulation formt statt Samples abzuspielen.
Wie sich reine Chip-Musik anhört, hört man gut an Rob Hubbards Soundtrack zu Goldrunner auf dem Atari ST von 1987, gespielt vom Yamaha-Soundchip der Maschine. Rob Hubbard ist unter Chiptune-Fans eine Legende. Nebenbei mischt Goldrunner sogar eine digitalisierte Sprachprobe darunter und begrüßt den Spieler mit einem “Welcome to Goldrunner”:
Beides klingt nach den Neunzigern, nur eben nach verschiedenen Maschinen.
Ein Blick in die Demoszene
Wie weit Tracker-Musik trug, zeigt die Demoszene: kleine Gruppen, die aus ein paar hundert Kilobyte ganze audiovisuelle Shows bauten. Der Klassiker ist Second Reality von Future Crew, gezeigt 1993 auf der Assembly-Demoparty. Die Musik dazu steckt in einem Scream-Tracker-3-Modul, und ehrlich gesagt klingt sie heute noch extrem gut.
Aus Future Crew wurde später übrigens ein Spielestudio: Mitglieder der Gruppe gründeten 1995 Remedy Entertainment und bauten unter anderem Max Payne. Aus der Demoszene wurde also ein ganzer Wirtschaftszweig.
Die Lizenzfrage bleibt
Was in Teil 1 stand, gilt hier unverändert. Ein Trackermodul aus dem Netz ist nicht deshalb frei, weil es alt ist und in einem Archiv liegt.
Viele Module stammen aus den Neunzigern, und ob eine ausdrückliche Lizenz dabei ist, steht oft nirgends. Es ist unabdingbar, das in Eigenverantwortung zu prüfen.
Der praktische Weg ist derselbe wie bei Audio: Quellen bevorzugen, die eine Lizenz am einzelnen Werk ausweisen, im Zweifel den Musiker fragen, und den Nachweis am besten sofort dokumentieren.
Fazit
Für geo-finder bleibt es bei OGG. Klassik als Modul nachzubauen wäre Unsinn, und die Seite lädt ohnehin Kartenkacheln und Fotos.
Für die Retro-Tools und -Spiele, die ich danach angehen will, sieht es anders aus. Da ist der kleine, nostalgische Klang kein Kompromiss, sondern das Ziel. Das Paradebeispiel dafür ist Hotline Miami: Der Synthwave-Soundtrack ist dort nicht Beiwerk, sondern wichtiger Bestandteil. Die nostalgische, an die alten Maschinen angelehnte Musik macht Hotline Miami wahrscheinlich erst zu dem Kultspiel und verleiht ihm diese einzigartige Atmosphäre (Quelle: Hotline Miami EP von Jasper Byrne).
Was mich an dieser Technik fasziniert, ist der Minimalismus dahinter. Die Leute hatten damals nicht die Ressourcen von heute: kein Speicherplatz, keine Festplatte, maximaler Luxus war ein MIDI-Keyboard, und selbst das hatten viele der Hobby-Musiker nicht. Aus fast nichts entstand vollständige Musik.
Ob es am Ende chiptune3 wird oder eine eigene, kleinere Anbindung an libopenmpt, entscheide ich, wenn es soweit ist. Erst messen, dann wählen.
Wer selbst Musik dafür schreiben will, findet mit OpenMPT einen aktiv gepflegten Tracker. Wer von einer DAW kommt, dürfte sich erst umgewöhnen müssen. Aber es macht Spaß, sich mit der alten Technik auseinanderzusetzen.
Quellen: Wikipedia: Trackermodul · Wikipedia: MOD-Dateiformat · OpenMPT Wiki, Modulformate · BassoonTracker · ScripTracker · libopenmpt / chiptune3 · space_debris.mod im Mod Archive · Second Reality (Demozoo) · retro-amp